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Bildung in Zeiten von Corona – der Weltreporter-Newsletter im September

15. September 2020
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Schüler*innen mit Maske


Editorial
 

Es vergeht kein Tag ohne E-Mail von der Schule. Jedes Mal hoffe ich beim Draufklicken, dass es sich nicht um die Ankündigung einer Schulschließung handelt. Zu stark stecken mir noch die Home-Schooling-Erfahrungen des Lockdowns in den Knochen. Bis jetzt hatten wir Glück: Der Inhalt der Mails rankt sich um Distanzregeln, Maskenregeln, Eintrittsregeln, Kantinenregeln, Pausenhofregeln, Krankenregeln etc. 
 
Regeln und Verordnungen gibt es aktuell sehr viele in Frankreich, dafür haben alle Schulen wieder geöffnet. Kinder ab der Mittelstufe und alle Kinder ab elf Jahren müssen die ganze Zeit Masken tragen. Da aber auch auf den Straßen Maskenpflicht herrscht, haben sich die Kleinen schon daran gewöhnt. Tauchen positive COVID-19-Fälle auf, entscheidet die Schulleitung, ob nur eine Klasse oder gleich die ganze Schule geschlossen wird. 
 
Ich drücke mir täglich selbst die Daumen und spreche den Weltreporter-Kollegen, die es nicht so gut haben, mein größtes Mitgefühl aus: Für Christoph Drösser in den USA und Christina Schott in Indonesien ging das Home Schooling nach den Ferien einfach weiter, in Spanien sollen die Kinder zurück in die Schule, aber noch hapert es an vielen Stellen. Aber schon jetzt ist klar: Die Pandemie hat bereits bestehende Ungleichheiten in der Schulausbildung weiter verschärft und weitet sich zu einer globalen Bildungskrise aus. Mit Berichten aus vier Kontinenten beleuchten wir in unserem Fokus die aktuelle Entwicklung.
 
Doch zum Ferienende gibt es von den Weltreportern nicht nur alarmierende Bildungsreportagen, sondern auch positive Meldungen: Unsere Korrespondentin in Los Angeles hat einen Preis gewonnen, und drei Kollegen haben neue Bücher veröffentlicht. Und ganz wichtig: Weltreporter Paul Flückiger hat als einer von wenigen ausländischen Journalisten ein Pressevisum für Belarus ergattert und in den letzten Wochen von dort über die aktuellen Geschehnisse berichtet – er ist eben nach Polen zurückgekehrt. 
 
Wir wünschen eine spannende Lektüre,

 

Profilfoto


Barbara Markert

Weltreporterin in Paris

markert@weltreporter.net



 

 
WELTREPORTER AT WORK

 
Preis für Weltreporterin Kerstin Zilm

Award Kerstin Zilm Kerstin Zilm, unsere Korrespondentin in Los Angeles, hat bei den Southern California Journalism Awards den ersten Preis in der Kategorie “News Feature” gewonnen. Für den lokalen öffentlichen Radiosender KCRW berichtete sie über eine Frau, die ein Jahr nach dem verheerenden Bränden nahe Los Angeles noch immer zwischen Trümmern darum kämpft, ihr Leben wieder aufzubauen. In der Jurybegründung heisst es: „Diese Geschichte war interessant, verwendete tolle Töne und war solide produziert.”
 

Profilfoto



Kerstin Zilm

Weltreporterin in Los Angeles

zilm@weltreporter.net



 
Indigene Völker in Kanada: Der schwere Weg zur Verständigung 

Buch Indigene Voelker in KanadaIn Europa gilt Kanada im Vergleich zu den USA als „der bessere Teil Nordamerikas“. Doch der Umgang mit der indigenen Bevölkerung ist auch hier ein Sündenfall: Noch bis vor wenigen Jahrzehnten wurde – teils mit brutalen Maßnahmen – versucht, die kulturelle Identität dieser Menschen auszulöschen und sie zu assimilieren. Wie erfolgversprechend ist der vor einigen Jahren eingeleitete Versöhnungsprozess? Weltreporter Gerd Braune hat indigene Gemeinden im ganzen Land besucht und mit Vertretern der indigenen Völker First Nations, Inuit und Métis gesprochen. Braune wird sein Buch am 15.10. um 19.30 Uhr im Haus des Buches in Frankfurt am Main vorstellen. 
 

 

Gerd Braune

Weltreporter in Ottawa

braune@weltreporter.net



 
Repression und Rebellion: Arabische Revolution – was nun?  
 
Buchcover Repression und RebellionIn Ägypten herrscht das Militär, in Syrien ein Massenmörder, Libyen versinkt im Chaos und die Golfstaaten werden weiter autokratisch regiert. Ein scheinbar düsteres Fazit zehn Jahre nach der arabischen Revolution. In seinem neuen Buch schildert Karim El-Gawhary, wie die Regime versuchen, jede Veränderung zu blockieren. Wie die Regionalmächte um ihre Einflusssphären kämpfen. Wie Europa die Lektion, dass arabische Autokraten Terror und Flüchtlinge produzieren, noch immer nicht gelernt hat. Er schreibt über den Wettlauf zwischen Repression und Rebellion – und darüber, wie die Covid-19-Krise das alles verschärfen wird. 
 

 


Karim El Gawhary

Weltreporter in Kairo

gawhary@weltreporter.net


 
Wenn die Dinge mit uns reden – Von Sprachassistenten, dichtenden Computern und Social Bots 

Buchcover Wenn die Dinge mit uns redenWir kommunizieren mit Sprachassistenten und Chatbots, lesen Berichte, die ein Computer geschrieben hat und lassen uns von Meinungs-Bots in den sozialen Medien manipulieren. Maschinen sind zu Kommunikationspartnern geworden, denen wir unwillkürlich ein Bewusstsein und Emotionen unterstellen. Christoph Drösser geht in seinem Buch dem Traum von der sprechenden Maschine nach und beschreibt die Techniken, die seit 2010 das gesamte Gebiet der künstlichen Intelligenz revolutioniert haben: neuronale Netze und Deep Learning. Er erklärt, wie Chatbots und Sprachassistenten funktionieren, und lässt auch die Gefahren nicht außer Acht, die die brandneue Technik mit sich bringt. 
 

 

 


Christoph Drösser

Weltreporter in San Francisco

droesser@weltreporter.net


 
 
Kunst per Auto


drive thru-Ausstellung in Rotterdam
Foto: Aad Hoogendoorn
Autokinos waren Kerstin Schweighöfer ein Begriff. Drive in-Imbisse auch. Aber eine Ausstellungsbesichtigung per Auto?  Das war ihr noch nie untergekommen. Doch Corona macht erfinderisch – auch in Rotterdam: Dort standen die großen Hallen des Messezentrums Ahoy leer. Bis das Museum Boijmans van Beuningen, das wegen Umbauarbeiten geschlossen ist, auf die Idee kam, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: mit einer drive thru-Ausstellung in einer der riesigen Hallen. 40 Highlights aus der Kollektion konnten auf diese Weise doch noch gezeigt werden, angeleuchtet von den Scheinwerfern kleiner Elektroautos, die durch die dunkle Halle surrten. Eine Kunsterfahrung ganz besondrer Art, merkte unsere Korrespondentin gleich vor der ersten Kurve, wo plötzlich Oskar Kokoschkas berühmter „Mandrill” zähnefletschend  aus dem Dunkel auftauchte und vor ihr Auto zu springen schien. 
 

Profilbild Kerstin Schweighöfer

 
 

Kerstin Schweighöfer

Weltreporterin in Den Haag

schweighoefer@weltreporter.net


 

Thema: Bildung in Zeiten von Corona
 
Lockdown im Inselparadies: Unterricht per Radio

Kinder am Strand
„Ihr jammert über Online-Schule und Home Office? Das sind Luxusprobleme!“ Diesen Tweet postete eine Freundin, die aus einem Dorf in Borneo stammt. Seit März schreibt das Bildungsministerium in Jakarta „Unterricht im Netz“ vor. Doch während die Eltern aus der Großstadtschule meiner Kinder die sozialen Netzwerke mit ihrem Corona-Frust über zu viel Lernstress fluten, haben ein Drittel aller Schüler im größten Archipel der Welt gar keinen Internetzugang. Um auch Kinder in abgelegenen Regionen zu erreichen, haben sich die Schulen mittlerweile auf altmodische Netzwerke besonnen: Lokale Radiostationen senden Lehrstoff und Aufgaben nun auch mitten in den Regenwald. Zudem hat das staatliche Fernsehen landesweit den Schulfunk wieder eingeführt – jeden Tag je eine Stunde für verschiedene Altersgruppen.

Profilbild



Christina Schott

Weltreporterin in Yogyakarta

schott@weltreporter.net
 


 
USA: Pandemic-Pod als Schulersatz


Kind am Laptop

Auch nach den Sommerferien begann die Schule bei uns in Kalifornien wieder komplett online. Für unseren neunjährigen Sohn, ein Einzelkind, heißt das: Die Corona-Isolation geht weiter. Eltern überlegten schon im Juli, wie sie die nächsten Monate meistern könnten. Ein neuer Begriff wurde geboren: der pandemic pod. Mehrere Kinder lernen zu Hause zusammen, beaufsichtigt entweder von Eltern oder – die Luxusversion – von einem bezahlten Tutor. Natürlich wurden im linksliberalen San Francisco sofort Bedenken laut: Werden da nicht die privilegierten Eltern sofort ihre Kleinen zusammenstecken, während die Kinder aus Unterschichtfamilien allein zu Hause vor dem Computer sitzen? Pod wurde zum Kampfbegriff und der Schuldistrikt verbot jegliche Mitwirkung der Schule bei der Bildung von Lerngruppen. Natürlich gibt es die Pods trotzdem, wir haben auch einen. Wieder wird in San Francisco mit den besten politischen Absichten der soziale Graben weiter vertieft.
 

 

 


Christoph Drösser

Weltreporter in San Francisco

droesser@weltreporter.net


 
Kenia: Die Klassen bleiben leer 


In kenianischen Schulen sind Mindestabstände und Maskenpflicht bis auf Weiteres kein Thema – alle Bildungseinrichtungen bleiben nämlich zu. Und das noch bis mindestens Anfang 2021. Für viele Familien ist das ein Problem. Denn die Regierung hat zwar neue Lerninhalte entwickelt, die sie über das Internet, über WhatsApp, Fernsehen und Radio verbreitet. Aber viele Eltern können so viele Interneteinheiten nicht bezahlen, in anderen Haushalten gibt es kein Smartphone, geschweige denn Laptops oder Computer. Auf dem Land sind manche Familien schon froh, wenn ihr Dach in der Regenzeit dicht ist. Für ihre Kinder fällt jetzt auch noch die einzige warme Mahlzeit des Tages aus, weil sie nicht mehr in der Schule zu essen kriegen. Das UN-Kinderhilfswerk UNICEF und die Weltgesundheitsorganisation WHO haben die afrikanischen Staaten südlich der Sahara deshalb dringend gemahnt, die Schulen trotz der Corona-Krise wieder zu öffnen. 


Bettina Rühl

Weltreporterin in Nairobi

ruehl@weltreporter.net


 
Spanien: Home Schooling extrem 

Eine Kommune auf dem Land gründen oder gnadenlos die Oma in Deutschland für sechs Stunden Online-Vorlesen einspannen: Das sind zwei meiner Notfallpläne. In Spanien hat nach sechs Monaten Pause die Schule wieder angefangen. Bloß: Für wie lange? Der letzte Lockdown hat uns an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht – dass Spielplatz und Strand wegen der Ausgangssperre wegfielen, war da keine große Hilfe. Jetzt hat die Schule unseres Neunjährigen zwar mitgeteilt, dass fünf Mal täglich Händewaschen auf dem Stundenplan steht, aber nicht, wie und was bei einer erneuten Schließung unterrichtet werden soll. Und in Madrid fehlen auch nach Schulbeginn noch Hunderte Lehrkräfte. Seit der letzten Krise sind die Ausgaben für Bildung in Spanien von 5 auf 4,25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesunken. Die Folgen werde ich meinem Sohn erklären, demnächst in der Home School.
 

Profilbild Julia Macher




Julia Macher

Weltreporterin in Barcelona

macher@weltreporter.net


 
Digitales Lernen in Südafrika

In Südafrika hat der Unterricht gerade erst wieder begonnen. Während des harten Lockdown hat es sehr unterschiedliche Lernfortschritte gegeben, denn die Schließung der Schulen hat nicht alle gleich getroffen. Zwischen privaten und öffentlichen Schulen liegen angesichts der riesigen Kluft zwischen Arm und Reich Welten. Während des Lockdowns konnte daher auch nur eine Minderheit an e-learning-Programmen teilnehmen, für die meisten blieb dieser virtuelle Unterricht unerreichbar. Aber es gibt Initiativen, die das ändern und Bildungsgerechtigkeit schaffen wollen. Weltreporterin Leonie March hat im Online-Magazin Afrika-Reporter eine von ihnen vorgestellt. 
 

Profilfoto

 


Leonie March

Weltreporterin in Durban

march@weltreporter.net


 
Blick in die Zukunft

Ab Mitte März waren nach dem Frühstück alle Arbeitsplätze in unserer Vier-Zimmer-Wohnung belegt. Während mein Mann und ich uns den Esstisch teilten, saßen unsere Töchter in ihren Schlafzimmern vor den Computern. Die eine macht nächstes Jahr Abitur, die andere schließt ihr Studium ab. Endspurt also. Die Sorgen, ob der Fernunterricht per PC funktionieren würde, hätte ich mir sparen können. Von Tag zu Tag wurde deutlicher, dass diese digital aufgewachsene Generation die Herausforderungen des Distance Learning und der Online-Prüfungen mit jugendlicher Selbstverständlichkeit akzeptieren konnte. Anstrengend waren die vielen Stunden am Bildschirm, keine Frage. Und der Kontakt zu Freunden fehlte. Aber sonst? Schien es mir ein Blick in die nahe Zukunft zu sein, in der Home Office nicht nur während Pandemiezeiten eine erhebliche Rolle spielen könnte.   
 



Hilja Müller

Weltreporterin in Wien

mueller@weltreporter.net


 

 




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