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Digitale April-Notizen!
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Digitale Notizen 04/15

Für immer dazwischen - ¯\_(ツ)_/¯

Liebe Leserinnen und Leser,

wir sind unterwegs - aber wir kommen nicht an. Darum geht es in der aktuellen Folge des Digitale-Notizen-Newsletters. Die April-Notizen sind die vierte Folge des jungen Formats - und sie kommen erstmals ohne Vorrede aus. Damit Platz ist für Ihre Rückmeldung: wie gefällt Ihnen das Format? Sagen Sie es mir.

Denn wie gesagt: Die Dinge ändern sich. Gerne auch dieser Newsletter!

Viel Freude bei der Lektüre der veränderlichen April-Notizen

Dirk von Gehlen
P.S.: Das Foto stammt mal wieder von unsplash - ein beweglicher Zwischenraum fotografiert von Mathew Wiebe.

Das Zeitalter der Ungewissheit

 

Digitale April-Notizen

DIE  ZUKUNFT IST SCHON DA - ALS ANSTRENGENDE GEGENWART

Eine Stellenanzeige des ZDF erfährt dieser Tage Aufmerksamkeit, weil sie eine papierschriftliche Bewerbung erfordert. Es geht um einen digitalen Job und Menschen, die meinen sich im Digitalen auszukennen, halten das für anachronistisch, für falsch, für empörenswert. Beim Branchendienst Meedia machen sie daraus eine Meldung - und man fragt sich, wer hier was vom Digitalen nicht verstanden hat.

Denn gewonnen hat am Ende das ZDF, das auf diese Weise viel mehr Aufmerksamkeit für den freien Job bekommen hat. Es scheint dennoch einen Reflex zu geben, laut zu sagen, wenn andere etwas vermeintlich falsch machen. Über die Gründe im aktuellen Fall kann ich nur spekulieren. Auf einer abstrakten Ebene scheint mir ein Grund darin zu liegen, dass sich Mechanismen quasi unter unseren Füßen so schnell ändern, dass aus dem Benennen vermeintlicher Fehler womöglich sowas wie Orientierung erwächst. Eine Art Gewissheit, dass man es wenigstens nicht so falsch macht wie der andere.

In einem sehr lesenswerten Gespräch mit dem SZ-Kollegen Johannes Kuhn (das man auch in SZ Langstrecke nachlesen kann), hat der Historiker Yuval Harari unlängst gesagt:
Es ist zum ersten Mal fast unmöglich zu sagen, wie die Welt in 30 Jahren aussehen wird. Wenn im Laufe der Geschichte ein Zehnjähriger gefragt hat, in welcher Welt er mit 40 leben wird, konnten ihm seine Eltern eine ziemlich gute Prognose geben. Natürlich könnte immer ein neuer König kommen, ein Krieg ausbrechen - aber die sozialen Umstände, die Familienstruktur, die Wirtschaft, war über solche Zeiträume immer recht stabil. Jetzt blicken wir 30 Jahre nach vorne und niemand weiß irgendwas. Das Einzige, was wir dem Zehnjährigen sagen können, ist: Die Welt wird komplett anders sein.
Seit ich vor genau zwanzig Jahren an der Deutschen Journalistenschule meine Ausbildung begann, begleitet mich dieses Narrativ der Veränderung. Nicht so fundamental wie Harari es ausdrückt, aber doch deutlich höre ich: Mein Beruf wird sich verändern, Journalismus wird sehr bald ein anderer sein. Und stets ist diese Aussage der Veränderung von der Annahme begleitet, dass die Veränderung irgendwann abgeschlossen sein wird, dass man ankommt im Neuen, wo man sich (wieder) einrichten und weiter machen kann. Dazu ist es bisher nicht gekommen. Es hat nicht den einen großen Knall gegeben, nachdem alles anders wurde. Es ist ein schleichender Wandel, von dem man je nach Blickwinkel sieht, dass sich einige Bereiche gar nicht oder nur sehr langsam und andere sehr schnell und sehr grundlegend ändern. Das Problem dabei: Man kann diesen Wandel nicht festmachen, er hält nicht an, er schreitet fort. Immer weiter.

Der Kollege Richard Gutjahr hat in den vergangenen Wochen eine Rede in seinem Blog dokumentiert, die er vor jungen Journalisten gehalten hat. Er spricht darin von einer Täuschung, der er in den vergangenen Jahren unterlegen ist. Diese Zeit des Wandels sei nicht die beste Zeit für Journalismus, sagt er. Es sei eine lausige Zeit:
Worin ich mich am meisten getäuscht hatte, der Fakt, der mich schier verzweifeln lässt: Sie wird wohl noch lange, sehr lange andauern, diese Zeit des Umbruchs. Ich möchte sogar so weit gehen, zu sagen: Keiner von uns, die wir hier in diesem Saal versammelt sind, wird die Früchte, die wir heute sähen, noch selbst ernten können. Zumindest nicht mit dem, was wir unter klassischem Journalismus verstehen.
Wenn man beide Gedanken zusammenbringt, muss man sagen: Die Herausforderung besteht womöglich darin, keine Früchte zu ernten. Nichts abzuschließen, nicht anzukommen. Vielleicht geht es genau darum, sich mit dem Übergang zu arrangieren - im Zwischenraum zwischen der einen zu der anderen Welt. Ich habe in den vergangenen zwanzig Jahren immer geglaubt, irgendwann in dieser anderer Welt anzukommen, in einer digitalen Zukunft, die so ist wie die Gegenwart nur eben etwas zukünftiger und moderner. Je länger ich darauf warte, umso klarer wird mir: Diese Zukunft wird es so nicht geben. Es gibt vielmehr eine Gegenwart, die so schnell geworden ist, dass sie ständig in Frage stellt, wovon ich gerade dachte es verstanden zu haben. Und das unterscheidet sich sehr von dem, was früher mal (Journalimus) war. Martin Baron, Chefredakteur der Washington Post, hat in diesem Monat eine beeindruckende Rede über den Wandel des Journalismus (und der gesamten Gesellschaft) gehalten. Was mich an seinen Ausführungen besonders beeindruckt hat, war eine Einschätzung über die Personalpolitik seiner Redaktion:
Bisher haben Häuser wie unseres Menschen eingestellt, die von uns lernen konnten. Heute wollen wir Menschen einstellen, die uns beibringen, was wir wissen müssen.
Eine Erkenntnis, die sich so ähnlich auch im Innovationsreport der New York Times findet, und die ausdrückt, dass die Sache mit dem Wandel eben nicht so einfach abgeschlossen sein wird. Er hört schlicht nicht auf! Bei Google werden neue Mitarbeiter deshalb nicht nach Noten oder Abschlüssen eingestellt, sondern nach ihrer Fähigkeit, sich auf Neues einzulassen. Davon berichten Eric Schmidt und Jonathan Rosenberg in ihrem Buch "How Google Works".

Sie nennen die Mitarbeiter, nach denen sie suchen "Smart Creatives" und betonen besonders deren Fähigkeit, sich auf Neues einzulassen, in wechselnden Teams mit Kollegen aus fremden Bereichen zu arbeiten. Man kann ihre Haltung auch etwas weniger streberhaft ausdrücken - mit Hilfe des Shrugs:
¯\_(ツ)_/¯
Mat Honan (von dem ich gerade noch dachte er sei Wired-Autor) hat dieses tolle Schulterzucken-Zeichen in einem lesenswerten Buzzfeed-Text zum Symbol für das Zeitalter der kollektiven Ungewissheit ernannt:
The spirit of the age is a collective uncertainty. It’s a shrug. Nobody knows. It’s an unease about where we are going — and where the hell are we going? There used to be obvious, inevitable things we could point at and say: This is the future. Right here. This great inevitability will dominate our lives for the next two, three, five or ten years. Believe it.
Vielleicht ist es schon mal viel wert, wenn man nicht danach fragt, was in Zukunft sein wird, sondern wie: Es wird sich verändern. Ständig. Und wir sind vermutlich am besten dran, wenn wir uns auf den Wandel einstellen. ¯\_(ツ)_/¯
DER APRIL (Standards)
Was wir wissen:
... dass Rob Kuznia 2014 den Pulitzer-Prize gewonnen hat. Und dass er es sich nicht mehr leisten kann, als Journalist zu arbeiten.
... wo man die Erstausgabe von Süddeutsche Zeitung Langstrecke kaufen kann: im SZ-Shop und in München im Lost Weekend.
... dass Journalismus auch lustig sein kann.
... dass es nächste Woche in Karlsruhe um Crowdfunding geht. Im Mai in Nürnberg auch.

Was wir (noch) nicht wissen:
... wie ein Emoticon gegen Hass im Netz aussehen könnte.
... wer den Grimme-Online-Award 2015 gewinnt - diese Seiten sind nominiert.
... wie Ihnen der Newslettern nach vier Folgen gefällt. Sagen Sie es mir (gerne per Antwortmail!)
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