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Guten Morgen <<Vorname>>

Sprache, sagte mir der Philosoph Gerald Posselt einmal in einem Interview, besitzt eine soziale und politische Dimension. Sie hat einen performativen Charakter, mit der Sprache kann die Welt verändert werden – zum Guten wie zum Schlechten. 

Hassrede, schreibt der Vulgärjournalist Roger Köppel zuletzt in einem Editorial, sei Teil des demokratischen Gesprächs.

Abgesehen davon, dass ich nicht in einer solchen Demokratie leben möchte: Natürlich weiss niemand besser, welch mächtiges Mittel die Sprache ist, als der Propagandist. Und niemandem ist mehr gelegen an einer Verrohung der Sprache als dem, der die Spaltung im Sinn hat.

Posselt erklärte mir weiter, dass die Rhetorik, in Form einer sprachlichen Entmenschlichung von politischen Gegner:innen historisch oftmals am Anfang einer Gewaltspirale stand. Rechte Meinungsführer wie Köppel oder in Deutschland Rainer Meyer alias Don Alphonso, kalkulieren die Gewalt ein in ihre Brandreden – nur um dann hinter ihre Sätze wie hinter Palisaden zu flüchten und auf die scheinbare Unschuld der Sprache zu pochen. Aber Sprache, so Posselt, ist ein subtiles Mittel der Gewaltausübung

In Altstetten wurde am Mittwochabend eine 30-jährige Frau getötet. Der Hauptverdächtige: Ihr Ehemann, ein 46-jähriger Mann. Dieser stellte sich gestern mit schweren Verletzungen der Polizei. Das Rechercheprojekt Stop Femizid rechnet vor: Es ist – mutmasslich – der 22. Femizid in der Schweiz in diesem Jahr. Und wie so oft, hat man es eigentlich kommen sehen. Gegen den Mann war ein Verfahren wegen Drohung gegenüber seiner Frau hängig, die Polizei verhängte nur Stunden vor der Tat ein Kontaktverbot, Nachbarn gaben dem Tages-Anzeiger zu Protokoll, dass es immer wieder zu lauten Streits gekommen sei.   

Die Art und Weise, wie Medien über solche Fälle berichten, hat sich in den letzten Jahren verändert. Wurde noch vor einiger Zeit ebenso verharmlosend wie irreführender von einem «Beziehungsdrama» geschrieben, benutzen mittlerweile viele Medien den treffenderen Begriff Femizid.

Der Wandel in der Terminologie spiegelt einen Wandel in Gesellschaft wider: Gewalt an Frauen ist nicht einfach eine unabänderliche Konstante in der Gesellschaft. Diese Gewalt hat Ursachen – und eine davon ist die Art und Weise, wie wir darüber sprechen und schreiben (der Frauenhass, der in einer patriarchalen geprägten und toxisch-männlichen Gesellschaft noch immer virulent ist, ist die Hauptursache. Eine andere ist der Unwillen und die Unfähigkeit der Ermittlungs- und Polizeibehörden, bei Gewalt gegen Frauen angemessen zu intervenieren). 

Medien haben es in der Hand, hier als Korrektiv zu wirken. Denn wie die Psychiatrinnen Angela Guldimann und Elmar Habermeyer vor einiger Zeit im Tages-Anzeiger erklärten: «Wer sorgfältig schreibt, kann Leben retten.» 

Und dann bin ich überzeugt, dass Leute wie Köppel auf dem Irrweg sind. Sprache verändert sich, die Kehrtwende ist mühselig, sie dauert lang, für viele zu lang. Aber sie passiert. Und Hass ist nicht Teil dieses Wandels.
Vor ein paar Wochen habe ich am Idaplatz ein kleines Kind gesehen, das wie gebannt vor einer Baustelle stand. Hinter der Absperrung donnerte und röhrte es, dass ich Mitleid mit dem Beton bekam. Der Bub aber rührte sich nicht von der Stelle. Als hielte ihn ein böser Zauber gefangen. Bei älteren Menschen ist ein ähnliches Phänomen zu beobachten: Eine schier unerschöpfliche Hingabe an die gewaltige Kraft der Bagger, Presslufthämmer und Dampfwalzen. Ich kann nur mutmassen, was die Gründe dafür sind, ich falle weder in die eine noch die andere Alterskohorte.

Feldstudien zu diesem Thema kann man in diesen Wochen in der ganzen Stadt betreiben, nirgendwo aber besser als an der Josefstrasse. Da ist momentan der grösse Abbruch-Bagger Europas, der A-Rex, daran, die älteste Kehrrichtverbrennungsanlage der Schweiz abzureissen. Der Tages-Anzeiger hat diese Baustelle der Superlative besucht – und ist mit einer feinen Reportage zurückgekommen. Ich weiss jetzt, dass der A-Rex 300 Tonnen schwer ist, 757 PS stark, und einen bis zu 70 Meter langen Baggerarm besitzt. Dass fünf bis acht Lastwagen nötig sind, um den A-Rex zu transportieren. Und dass es Menschen gibt, die für Bagger-Spotting mehrere Hundert Kilometer Reiseweg auf sich nehmen.

Wenn du in Zürich wohnst, hast du es nicht ganz so weit: Der «König aller Bagger» (Tages-Anzeiger) befindet sich an der Josefstrasse 205. Und für alle, die im Winter Baustellen generell meiden: Der A-Rex ist noch bis nächsten Frühling in Zürich zu bestaunen.
Bei dieser Meldung musste ich etwas lachen: die Stadtzürcher FDP, Hüterin des guten Geschmacks und der guten Sitten, unermüdliche Kämpferin gegen das Abgleiten einzelner Stadtteile in No-Go-Areas, hat das Mittel der politischen Guerilla-Aktion für sich entdeckt: Sticker mit Polit-Werbung gegen den Siedlungs- und Verkehrsrichtplan (Tag: «Free Züri»), der im November an die Urne kommt, finden sich laut Tages-Anzeiger in den letzten Tagen überall in der Stadt.

Noch im Februar 2020, nach der verlorenen Rosengartentunnel-Abstimmung, wehklagte die FDP im Gemeinderat über die illegale Kleber-Propaganda der Linken. Und jetzt also die Kehrtwende, ganz nach dem Motto: Kannst du deinen Feind nicht besiegen, überklebe wenigstens ihre Sticker. Was entdeckt die FDP als nächstes? Den Generalstreik? Vollversammlungen? Volxküchen? Hip-Hop?
Bild: Screenshot SRF
Zürcher:in des Tages: Anna Rosenwasser

Müsste ich dir eine Liste der beeindruckendsten Aktivistinnen erstellen, die ich persönlich getroffen habe: Anna Rosenwassers Name stünde ganz weit oben. Als Autorin, Moderatorin, Ein-Frau-Anlaufstelle und Safe-Space-Party-Guardian für Queers, sowie als Kämpferin für die Ehe-für-Alle tanzt sie auf dutzenden Hochzeiten.

Die Energie der LGBTQ-Aktivistin sucht seinesgleichen, die Coolness, mit der sie die zahllosen heftigen Anfeindungen ihrer Gegner:innen über sich ergehen lässt, ebenfalls. Eine SRF-Journalistin begleitete Rosenwasser ein Jahr lang. Herausgekommen ist ein der sehenswerte Film «Anna Rosenwassers Queere Welt».
Schön, dass du das Briefing bis hier gelesen hast oder hast du einfach direkt zur Zürcher:in des Tages gescrollt? Wie dem auch sei: Jetzt, wo du schon hier bist, wie wäre es, wenn du an diesem Freitagmorgen eine Tsüri-Mitgliedschaft löst? Eine gute Tat vor dem Wochenende! Eine Tsüri-Mitgliedschaft kostet pro Monat weniger als eine Stange und du hast erst noch länger etwas davon! 
Coronazahlen und Kurz-News
Im Kanton Zürich wurden gestern Donnerstag 157 neue Fälle von positiven Corona-Tests gemeldet. 71 (-15) Personen sind aktuell hospitalisiert, 34 (-4) befinden sich in Intensivpflege, 24 (-5) benötigen Beatmungshilfe. 

Das Impftram hält heute von 7.30 bis 10 Uhr beim Bahnhof Wiedikon und von 11 bis 16 Uhr an der Wartau.
  • Busspuren sind weiterhin Tabu für private Reisebusse und Fahrdienste, antwortet der Regierungsrat auf einen Vorstoss von FDP und SVP. Die Vorgaben des Bundes liessen eine entsprechende Änderung der Nutzung von Busspuren nicht zu. Das Regionaljournal weiss mehr dazu. 
  • 2023 zügelt der Kantonsrat in die Bullingerkirche und ins Kirchgemeinde Hard in Aussersihl. Neun Millionen Franken kostet das Provisorium. Grund für den Umzug: Das Rathaus in der Innenstadt wird umgebaut. Mehr über die Zügelaktion erfährst du in der NZZ.
  • Weniger Firmenpleiten trotz Corona: 2020 gab es in Schaffhausen und Zürich ungefähr gleich viele Konkurse wie 2019. In diesem Jahr sind – Stand heute – sogar noch weniger, berichtet das Regionaljournal. Mutmasslicher Hauptgrund dafür: die Unterstützungspakete des Bundes infolge der Corona-Pandemie. 
  • Deutliche Zustimmung für das Covid-Gesetz: Würde heute abgestimmt werden, so würden 63 Prozent das Covid-Gesetz annehmen, das ergibt eine Umfrage von Tamedia. Ende November stimmen wir darüber ab – zum zweiten Mal in diesem Jahr. 
Tipp des Tages: Rave «Stay Furieuse»

Lieber Nachtmensch, diesen Freitag trägt die Limmat den dumpfen Bass aus dem Provitreff in die Umgebung und lockt dich in die Soliparty «Stay Furieuse» fürs feministische Streikhaus.

Um 20:30 Uhr startet die Sause mit einer Spoken Word Performance von toxic by c und fährt fort mit einem experimental Konzert von Maxine Yolanda.

Ab 23 Uhr gibt es drei Mal b2b von AKUAKU, sandrita, Zorny, shasha, Carla und Becki bis in die frühe Morgenstunde.

Anmerkung: Dieser Event wird von FLINTAQ+ Personen organisiert und richtet sich in erster Linie auch an diese. Es ist offen für alle Geschlechter. Trage aktiv dazu bei, dass ein Raum kreiert wird, wo sich alle wohlfühlen. Ich wünsche gutes Tanzen, Schwitzen, Stampfen und Sippen.

Ort: Provitreff, Sihlquai 240, 8005 Zürich

 
P.S. Das Nützliche zum Schluss

Gestern hat die Tagesschau bestätigt, was mir mein Körper vor einigen Tagen bereits unzweideutig mitgeteilt hat: Die Grippesaison ist da. Hätte ich da schon um das geballte Heilmittel-Knowhow der Tsüri-Community gewusst, wäre ich wohl gar nicht erst krank geworden.

Vielen herzlichen Dank an alle, die mir ihre Tipps geschickt haben!

 
  • Catrina schreibt: «Wenn du früh morgens verdünnter Apfelessig trinkst, haben die Viren keine Chance und du stärkst dein Immunsystem gleich dazu! PS: Ich würde anfangs mit einem kleinen Glas Wasser mit ca. 2 Teelöffeln Apfelessig (am besten den trüben nehmen) anfangen und dann die Dosis erhöhen. Anfangs braucht es etwas Überwindung und es gibt definitiv «feinere» Sachen, aber ich kann nur sagen, es wirkt Wunder und du kommst virenfrei durch die kalte Zeit.»
  • Seraina schreibt: «Echinaforce, jeden Morgen 7 Tropfen, den ganzen Winter durch. Da kommt die Erkältung gar nicht, wusste schon meine Mutter. :D»
  • Céline schreibt: «Den Saft einer ganzen kleinen oder einer halben grossen Zitrone in ein Glas pressen, einen grossen Löffel Honig dazugeben, ca. 2 - 4 cl (je nachdem, wie heavy du verschnupft bist) Whisky dazugeben und dann mit heissem Wasser auffüllen (mit dem Wasserkocher/Pfanne geheizt und nicht einfach chli den Wasserhahn nach links gedreht). Trinken solange es warm ist und dann ab ins Bett. Wirkt Wunder!»
  • Viola schreibt: «Bei Ohrenweh eine Knoblizehe ins Ohr stecken. Und wenn man sie nicht mehr braucht, Fenster auf, tief ein- und ausatmen und in hohem Bogen rauswerfen (der zweite Teil ist der wichtigere).» 
Wohl bekomms!
William Stern
PS: Das Zitat des Tages stammt von Susanne Kaiser aus ihrem Buch «Politische Männlichkeit»:

«Für Männer bedeutet der neoliberale Wandel einen Abstieg auf die Positionen, die Frauen gewohnt sind. Der autoritäre Backlash ist aus diesem Grund nicht zufällig eine Form politisierter Männlichkeit, Misogynie nicht zufällig ein Merkmal autoritärer Einstellungen und ein Präsident wie Trump formuliert nicht zufällig eine Art Besitzanspruch auf Frauen.»
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