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Guten Morgen aus Tirana!
Auch nach dem zweiten Sonnenaufgang 'danach', fühlt sich der unerwartete Wahlausgang in den USA wie ein schlimmer Kater an. Auf Twitter und Instagram gehen bei den Wahlverlierern sprichwörtlich die Lichter aus und (gefühlt) die ganze Medienwelt fragte sich Gestern: Wie konnte man/frau das übersehen bzw. welche Rolle haben "wir/die" dabei ge- bzw. verspielt? Einige Meinungen und Ansichten dazu findet ihr hier.

Die Stories

Medienbruch als Wahlkampfmittel

Sei es einerseits die Finanzierungskrise der großen traditionellen Häuser oder Filterblasen und algorithmisch weichgespülte Timelines andererseits; vielen Beobachtern scheint klar, dass hier, im Wandel der Medienwelt, ein Schlüssel für den unerwarteten Wahlausgang liegt.

Joshua Benton identifiziert vor allem diese algorithmisch gesteuerten Filterblasen und die darin unkontrollierte Verbreitung von falschen Nachrichten auf Facebook als das größte Problem. Eine mögliche Lösung sieht er darin, wieder auf menschliche Kuratoren zu setzen, die gezielt Hoaxes aussortieren - was in den USA viele als Eingriff in die Meinungsfreiheit deuten würden. [NiemanLab]

John Herrman sieht zwar die alten Medien geschwächt, aber längst nicht am Ende. Trotzdem sucht auch er eine Lösung in der Ecke der sozialen Netzwerke und findet sie im unklaren Selbstverständnis der Markführer: Facebook und Co müssten anerkennen, dass sie eine entscheidende Rolle in der Nachrichtenwelt spielten und auch entsprechend als Gatekeeper und Moderatoren agieren. Dazu gehöre auch Falschmeldungen auszusortieren und aktiv gegen Trolle vorzugehen. [New York Times]

Der falsche Algorithmus

Deutlich werden diese Kritikpunkte dann auch an einem Nach-Wahltag, wie dem gestrigen, wenn 'falsche' Bewertungskriterien eines Algorithmus dazu führen, dass sich Wahlberichte über die Niederlage einer Kandidatin mit fröhlich grinsenden Selfies aus den Wahllokalen zu einem verzerrten Bild mischen. Mal wieder verfehlt Facebook mit seiner vollautomatisierten Fröhliche-Laune-Weltdarstellung die Realität, die manchmal einfach besser chronologisch und nach anderen Werten als der Anzahl von Likes, sortiert sein sollte. [The Atlantic]

+ Ein paar weitere, gute Gedanken zum Thema 'Optimalte Darstellung von Inhalten in sozialen Medien' hat Konrad Lischka formuliert. Im Kern stellt er vor allem Facebooks Designausrichtung auf möglichst hohe Interaktione/Reaktion in Frage - weil eben diese dazu führt, das besonders reißerische Postings, sprich auch viele Fakes, oft geteilt werden und viel Aufmerksamkeit erlangen. [konradlischka.info]

+ Eine Untersuchung der Hochschule für Politik an der Technischen Universität München für das ZDF hat sich ebenfalls mit dem Design Facebooks beschfätigt. Ein Schluss der Studie ist, dass das Netzwerk in seiner aktuellen Form Posts unterdrückt bzw. aufputscht - und so Meinung ziemlich eindeutig beeinflußt.  [politicaldatascience]

Social Media vs. demokratische Öffentlichkeit

Zu sagen, der Wahlausgang wäre jetzt allein die Schuld der sozialen Medien ist sicher zu kurz gefasst. Aber sie spielen eine entscheidende Rolle. Über die gezielte Ansprache verschiedener Wählergruppen, wie sie z.B. Facebook's Werbetargeting ziemlich genau ermöglicht, lassen sich ganz unterschiedliche Images eines Kandidaten erzeugen - passend der Bedürnisse oder auch Ängste derentsprechenden Wählergruppen.

Ein/e Kandidat_In kann dadurch gleichzeitig recht unterschiedliche Personen erreichen und bestenfalls alle überzeugen, denn im Zweifelsfall ist mein Nachbar aus einer anderen Filterblase und mir sowieso völlig fremd. Das funktoniert, weil vielen diese Beeinflussung durch die Algotihmen der Netzwerke nach wie vor nicht bewußt ist. Eine demokratische Öffentlichkeit, wie wir sie kennen, wird dadurch fragmentiert und quasi abgeschafft. Die Mathematikerin Cathy O’Neil plädiert daher für mehr Fairness und Verantwortlichkeit im Zeitalter der Daten. [Taz]

+ Interessant in diesem Zusammenhang: Seth Neel argumentiert, dass Facebooks ethnische Zielgruppen-Auswahl (von ProPublica aufgedeckt), evtl. gar nicht so rasistisch ist, wie von allen behauptet. Ganz im Gegenteil könnte sie wichtig bei der Entwicklung 'fairer' Algorithmen sein. [WIRED]

Es geht noch weiter:

  • Soziale Medien eingesetzt haben beide Kandidaten, warum sie für den einen nun aber besser funktioniert haben, als die andere, erklärt Jannis Brühl: Präsident Troll [SZ]
  • Auch die Nutzerzahlen aus der Wahlnacht deuten darauf hin, dass sich mehr Menschen auf die sozialen Netzwerke verlassen, um sich zu informieren. Twitter traffic doubled, Facebook up by 30% on Election Night [TechCrunch]
  • Die nächste US-Wahl könnte sich auch stark in Messengern abspielen. Einen ersten Schritt dafür hat Facebook gerade getan, es erlaubt jetzt gesponsorte Postings im Messenger, zumindest von Firmen mit denen man schon mal gechattet hat. [The Guardian]
  • Für alle, die sich die Welt jetzt erstmal wieder schön malen müssen, bringt Snapchat genau das richtige Update: World Lenses [PetaPixel]
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